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Übergabe eines Renault an das Lettische Rote Kreuz

Es ist 6.45 Uhr, wir sind vor dem Wecker wach, denn es stürmt draußen sehr heftig und der Regen peitscht ans Fenster. Wir, mein Mann Meik und ich, wollen heute den GL-RK 9193 , einen kleinen Renault Transit, nach Lettland bringen, um ihn dort dem Lettischen Roten Kreuz zu schenken. Der Wagen ist 23 Jahre alt, hat aber keinen Rost. Ohne Servolenkung war er nicht sehr beliebt bei unseren jungen Helfern. Wir haben noch nicht gepackt, aber wir können eh nicht viel mitnehmen, denn zurück werden wir das Flugzeug nehmen müssen. Nun ja, dauert dann mit Frühstück doch etwas länger wie gedacht. Gegen 8.45 Uhr starten wir, wollen aber zuerst noch zur Unterkunft des DRK nach Rösrath, denn seit gestern wissen wir, dass wir in Lettland nicht nur ein Kinderheim besuchen, sondern auch ein Altenheim. Aber was können wir mitbringen? So packen wir 25x Bettwäsche ein und dann geht es Richtung Autobahn nach Travemünde zur Fähre. Bereits kurz nach dem Start macht das Auto seltsame Geräusche. Unterturig hört man nichts, beim Gas geben hört es sich bedrohlich an. Im Königsforst entscheiden wir, bei einer Werkstatt anzuhalten, dort kenne ich den Betriebsleiter. Wäre doch beruhigend zu wissen, ob das Auto die 1000 Km durchhalten kann. Wir haben Glück, in 15 Minuten wird man sich das Auto ansehen, es ist jetzt 9.30 Uhr. Inzwischen erreicht uns die Ankündigung eines Betreuungseinsatzes für 100 Feuerwehrleute in Bergisch Gladbach. Beide KBL sind auf der Arbeit und können nicht weg, Zugführer W. ist krank, der Stellvertreter möchte gerade mit mir nach Lettland, Gruppenführerin Betreuung Kristina ist Krankenschwester und arbeitet, der Stellvertreter ist ebenfalls nicht abkömmlich. Das gab es noch nie. Erfreulicherweise erlaubt das Marienkrankenhaus, dass Kristina telefonieren darf und so organisiert von Station aus. Dann darf sie sogar früher aufhören zu arbeiten, um den Einsatz zu leiten. Inzwischen gibt es Rückmeldungen von 2 Helfern, zum Glück sind beide Gruppenführer Technik Marius und Florian verfügbar. Das Ganze läuft etwas schleppend an, aber als dann die Küche Wipperfürth das Essen stellen kann, entspannt sich die Lage und es geht noch um Verpflegungs- und Getränkeausgabe. Und wir sitzen immer noch in der Wartehalle der KFZ Firma. Es wird 10.00 Uhr, es wird 10.10 und ich bin langsam nervös. Dann holt sich ein Techniker das Auto, fährt damit eine kurze Weile und überbringt uns dann die Nachricht, dass man die Geräusche absolut nicht einordnen kann und meint, wir sollten zu einer Renault Werkstatt fahren. So, wenn wir das auch noch tun sollen, erreichen wir die Fähre niemals pünktlich. Also, wir riskieren die Fahrt nun, mehr als liegenbleiben können wir ja nicht. Die Autobahnen sind frei, aber wegen dem Sturm muss Meik das Lenkrad sehr festhalten und oft gegensteuern. Der Sturm peitscht den Regen, auf der Straße ist viel Wasser und die Windböen drücken den leichten Wagen immer wieder zur Seite. Das beunruhigende Geräusch aus dem Motorraum ist weg, plötzlich und nicht erklärlich. Sehr erfreulich. Ich telefoniere  immer wieder mit Kristina, der Einsatz zu Hause läuft rund. Wir tanken nochmal voll, denn wir haben Travemünde erreicht. Es ist 16.00 Uhr, alle check in Schalter sind geschlossen. Dann leuchtet eine Infotafel : check in nach Liepaja startet um 18.00 Uhr. Sobald der Motor nicht mehr läuft, wird es kalt im Wagen. Dumm gelaufen, nach vorne geht es nicht, umdrehen eigentlich nicht erlaubt, sieht aus wie eine Einbahnstraße. Aber stehen bleiben und warten, keine Alternative. Also, wir drehen und erreichen unerkannt die Hauptstraße. Wir suchen und  finden ein asiatisches  Restaurant und freuen uns auf ein leckeres Abendessen, denn auf der Fähre haben wir kein Essen für den Abend gebucht. Der Gang zur Toilette ist etwas abenteuerlich in diesem Restaurant. Plötzlich erlischt das Licht und es wird sehr kalt. Aber die Treppe lässt sich erahnen und so finde ich wohlbehalten zurück. Um 17.15 Uhr versuchen wir es erneut am check in, aber erst kurz nach 18.00 Uhr öffnet der Schalter. Zur Rampe 3 fährt man bis zum Ende des Hafens, die Beschilderung ist sehr sparsam. Die Fähre haben wir gefunden und man sagt uns, wo wir warten sollen. Die Fähre ist noch voll beladen mit LKWs, also erleben wir nun in erster Reihe das Entladen. 11/1 Stunden vergehen, es ist kalt im Auto, wenn man nicht den Motor laufen lassen möchte. Es wird 19.45 Uhr, die Fähre ist leer und so langsam beginnt der Lademeister mit der Beladung. Wird auch Zeit, denn so langsam sind wir gut durchgefroren. Geschafft, im Bauch der Fähre werden die Räder unseres Fahrzeuges blockiert. Wir stehen auf dem untersten Deck und steigen nun gefühlte 1000 Stufen hoch zum Check in. Eine freundliche Dame gibt uns die Karte für unser Zimmer. Der Raum ist klein und schmal, hat ein Etagenbett, einen Schreibtisch, eine kleine Toilette mit Dusche, aber ein großes Fenster mit Blick auf die Nordsee. Es ist schon spät, zügig legt die Fähre etwas früher wie geplant um 20.30 Uhr ab. Für uns ist nun Bettruhe, die Aufregungen des Tages waren auch genug. Es ist kalt im Zimmer und ich friere. Ich schlafe schlecht und bin oft wach. Es will einfach nicht wärmer werden im Zimmer. Meik scheint damit keine Probleme zu haben, er schläft tief und fest. Gegen 7.00 Uhr, für uns gewohnte Zeit, sind wir wieder wach. Die letzten Stunden fehlen mir im Gedächtnis, ich scheine doch geschlafen zu haben. Aber kalt ist es immer noch. Um 8.00 Uhr gibt es Frühstück. Der Kaffee schmeckt, die Brötchen auch. Nur wenige Passagiere scheinen Frühstück gebucht zu haben, der Essraum ist recht leer. Nach dem Frühstück handarbeite ich, was soll man auf der Fähre auch sonst tun. Auf dem Fernseher gibt es nur ein deutsches Programm, welches sich dummerweise ständig wiederholt. Die See ist ruhig, das Wetter trüb. Um 12.00 Uhr gibt es Mittagessen. Mein Appetit hält sich in Grenzen, die Tomatensoße zu den Hähnchenteilen kann ich nur mit gehörig viel Pfeffer genießen. Danach verbringen wir die Zeit wieder in der Kabine. Meine Häkelarbeit schreitet voran, das Programm im Fernsehen wird nicht besser. Kein Internet, kein Handynetz mehr, kein Land mehr in Sicht. Die See ist rau, es bilden sich kleine Schaumkronen auf dem Wasser. Das Schiff rollt mächtig, manchmal holpert es, wie auf einer schlechten Straße. Mir wird schlecht. Meine Handarbeit habe ich zum Glück fertig, wollte aber noch den Bericht in den PC übertragen. Daraus wird nun nichts, ich rette mich auf die Toilette, bin weiß wie die Wand. Das Wasser aus der Toilette spritzt über den Rand, es ist heftiger Seegang. Eine freundliche Dame am Lautsprecher lädt zum Abendessen ein. Wir gehen in den Speisesaal, allen anderen scheint es zu schmecken. Ein freundlicher Stuart lächelt mich an und meint, ich solle viel Wasser trinken. Zwei Löffel Salat bekomme ich runter, dann gebe ich auf. Wir legen uns in unsere Kojen, es ist dunkel und genießen die Schlingerbewegungen des Schiffes. Nach einer Tablette geht es langsam wieder besser. Wir versuchen noch etwas zu schlafen, denn in Kürze werden wir Liepaja erreichen. Um 23.00 Uhr deutscher Zeit ertönt der Aufruf, dass wir anlegen. Rasch packen wir die wenigen Dinge ein und begeben uns zu unserem Auto ins Unterdeck. Die Ausfahrt geht sehr schnell und dann suchen wir uns den Weg raus aus dem Hafengelände, der natürlich auch nicht beschriftet ist. Hier waren wir vor etlichen Jahren schon einmal, als Lettland noch nicht in der EU war. Damals hatte man uns aufgehalten, weil man Beton für Mehl hielt und ein Gesundheitszeugnis sehen wollte. Das Navi zeigt uns nun den Weg, es gibt 5 Stunden Fahrzeit an bis Madona. Der Regen prasselt auf das kleine Auto, zu Beginn macht es wieder die fürchterlichen Geräusche, doch dann ist es still. Die Straße ist anfangs recht gut, aber dann folgt ein Schlagloch dem Anderen. Hoffentlich hält das Auto die 400 KM. Aris ruft an, wir können nachher nicht ins Hotel, wir werden zuerst in einer Pension untergebracht. Wir kommen aber gut voran, der Wagen läuft ruhig, die Heizung funktioniert hervorragend. Eine halbe Stunde vor der angezeigten Ankunftszeit informieren wir Aris und um 6.30 Uhr haben wir Madona erreicht. Aris schließt uns die Türe zur Pension auf. Das Zimmer ist ordentlich, Toilette und Dusche sind über den Flur erreichbar. Wir freuen uns über 21/2 Stunden Schlaf. Dann holt uns Aris wieder ab und wir wechseln in das Hotel. Ein kleiner Imbiss steht bereit. Unsere Welt ist schon wieder in Ordnung. Dann begeben wir uns zum Stadthaus, nur wenige Minuten vom Hotel. Wir werden bereits erwartet. Der stellvertretende Bürgermeister, die Stadtdirektoren Guntis uns Aris, die Leiterin vom Lettischen Roten Kreuz Daiga, Guntars, der Leiter der Sozialarbeit und weitere Angestellte der Stadtverwaltung treffen wir im Konferenzzimmer der Stadt. In diesem Raum haben wir vor 18 Jahren das Dokument für die Partnerschaft mit Madona unterschrieben. Damals stand hier ein klobiger, breiter Konferenztisch, heute sitzen wir an einem modernen, mit viel Elektrik ausgestattetem Tisch. Das Lettische Fernsehen und die Presse sind nun ebenfalls eingetroffen. Der stellv. Bürgermeister bedankt sich für die langjährige Partnerschaft, die sich inzwischen sehr freundschaftlich gestaltet. Nettigkeiten werden ausgetauscht, so wie es das Protokoll vorschreibt. Im Anschluss macht der Lettische Fernsehsender ein Interview mit uns, Viestus, unser Dolmetscher, übersetzt sehr professionell. Dann erfolgt die offizielle Übergabe am Fahrzeug. Ade, kleines Auto, ich hoffe, du leistest auch hier gute Arbeit für das Rote Kreuz. Schlüsselübergabe, Papiere übergeben, viele Fotos, so muss das sein. Dann verabschieden wir uns von dem stellv. Bürgermeister und dem Stadtdirektor Guntis. Zum Mittagessen gehen wir zu „ Haralds“ , einem kleinen Restaurant in der Nähe. Der Besitzer war zur Eishockey WM nach Deutschland gekommen. Gemeinsam mit unseren DRKlern hatte man in Köln das Spiel Deutschland gegen Lettland besucht. Nachdem alle gegessen haben, besuchen wir in Saulite Räumlichkeiten, in denen ein Elternverein für behinderte Kinder tätig ist. Stundenweise werden hier behinderte Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen therapiert. Die Stadtverwaltung bezahlt die Therapeuten und stellt die Räumlichkeiten, die Eltern sorgen sich um die Organisation und die Beschaffung der notwendigen Materialien. Es fällt auch hier auf, dass alles sehr ordentlich und aufgeräumt aussieht. Am Tisch hinten rechts sitzen drei Kinder und unterhalten sich leise. Das größere Mädchen bastelt eine Puppe aus Stoff und Wolle. In einem kleinen Raum spielt eine Therapeutin mit einem 5 jährigen Jungen. Er stapelt Bauklötze übereinander, dabei soll er entscheiden, wo der Bauklotz am Besten platziert wird, damit das Gebilde nicht zusammenfällt. Sie arbeiten nach Montessouri. Therapeutische Dinge zur Schulung der Feinmotorik oder auch Knetmasse sind sehr begehrt. Über eine Verbindungstreppe gelangen wir in den angrenzenden Kindergarten. An der Decke hängen selbstgebastelte Dekorationen aus Papier oder Stoff, alles sehr liebevoll gestaltet. In 13 Gruppen werden fast 300 Kinder betreut. Es ist Mittagspause und sehr leise im Haus. Ich frage nach, wo denn die Kinder sind. Sie schlafen oder beschäftigen sich leise, erhielt ich zur Antwort. Unglaublich. Man zeigt uns ein solches Kinderschlafzimmer. Hier stehen Kinderbettchen aneinandergereiht, 25 Kinder schlafen hier. Im  angrenzenden Spielraum  hat jede Sache seinen Platz, ein Spielzeug steht neben dem anderen im Regal, die Kinderbücher sind geordnet, alles hat hier seine Ordnung. Bilderbücher mit dicken Buchseiten und wenig Schrift sind die Besten, Bücher mit dünnen Seiten zerreißen zu schnell, erklärt man uns. Sie benötigen Buntstifte, Malbücher, auch mit Duplo spielen die Kinder viel. Die Kinder werden morgens um 7.00 Uhr in den Kindergarten gebracht, werden erst gegen 19.00 Uhr wieder abgeholt. Eine Gruppe von 15 Kindern bleibt die Woche über auch während der Nacht, weil die Mütter arbeiten oder sie es nicht schaffen, die Kinder abzuholen. Ab dem ersten Lebensjahr besuchen die Kinder den Kindergarten. Jede Gruppe wird von einer ausgebildeten Kindergärtnerin und einer Hilfskraft betreut.. Sie verdienen  400€ im Monat. Mit den Kindern werden Theaterstücke eingeübt, es wird viel gesungen und musiziert, oder auch getanzt und gebastelt. Im Außengelände befinden sich gespendete Spielgeräte, auf denen die Kinder sehr gerne spielen. Der Umgang mit den Kindern ist sehr ruhig und liebevoll. Für viele Kinder ist der Kindergarten das zu Hause. In einem großen, weihnachtlich geschmückten Raum, nehmen wir Platz und bekommen Gebäck, und Tee mit Grenadine und Früchten gereicht. Er schmeckt ausgesprochen lecker. Daiga, die Leiterin der Einrichtung, berichtet von der steigenden Zahl der Kinder und dem Mangel an Fachkräften. Sehr stolz sind sie auf das Schwimmbad im Haus. Regelmäßig gehen sie mit den Kindern schwimmen. Das Becken für die ganz Kleinen hat 37 Grad und steht auch den Müttern zur Verfügung. Zur Abendzeit oder am Wochenende kommen auch Senioren zum Schwimmen. Immer noch ist im Haus kein Lärm zu hören. 300 Kinder im Haus und es ist ruhig. Von klein an lernen sie, im Haus leise zu sein, draußen dürfen sie schreien und toben. Die Atmosphäre ist sehr kindgerecht, keine Hektik, liebe Worte zu den Kindern. Als wir uns verabschieden, überreicht Meik noch ein Keyboard für die Kinder.  Die Leiterin Daiga freut sich über das Geschenk für ihre Schützlinge. Es regnet, als wir abfahren. Nun steht der Besuch eines Kinderheimes an. Auch hier begrüßt man uns sehr herzlich. 31 Kinder finden hier ein zu Hause. Das jüngste Kind ist 5 Jahre alt, die Ältesten sind 16 Jahre alt. Als wir vor vier Jahren schon einmal hier waren, gab es hier ein kleines, sehr niedliches Mädchen, Christiane. Sie wurde von einer sehr wohlhabenden Familie adoptiert. Die meisten Kinder haben noch Eltern, die sie aber nicht regelmäßig besuchen. Heute, am Freitag, werden Kinder manchmal nach Hause geholt, bleiben dann bis Sonntag bei den Eltern. Einige warten aber auch immer wieder vergebens auf Besuch. Die Zimmer der Kinder sind klein, sind sehr ordentlich aufgeräumt. Im Aufenthaltsraum nehmen wir Platz und schauen über einen Projektor einige Fotos der letzten Aktivitäten der Kinder. 11 Kinder sind mit uns im Raum. Der Jüngste, Martins, ist etwas unruhig und spielt mit einem grünen Luftballon. Ei Jugendlicher bemerkt das und nimmt ihn auf den Schoß, spricht leise und lächelnd mit ihm. Die Leiterin des Kinderheimes lobt die guten Schulabschlüsse der Kinder. Auch hier fällt auf, dass die Kinder sehr ruhig und leise sind, dennoch wirkt das Ganze nicht gestellt oder erzwungen. Ein kleines Mädchen klettert der Leiterin auf den Schoß, aber das stört nicht. Während wir uns unterhalten, spielt eine Betreuerin am Klavier. Einen kleinen Spieltisch im Raum haben wir vor Jahren mitgebracht. Es gibt ihn immer noch. Heute haben wir einen großen Spieltisch mitgebracht. Die verschiedensten Spiele können hier gespielt werden. Meik hilft den Kindern beim Aufbau, denn der Kickeraufsatz ist nicht ganz einfach zu montieren. Die großen Jungen sind ganz begeistert vom Billard. Ein großes Mädchen steht am Klavier, ich spreche sie auf Englisch an und sie versucht zu antworten. Sie erklärt, dass sie zwar Vokabeln gelernt hat, aber nie ganze Sätze gelernt hat zu sprechen. Nach einer Weile hat sie die Scheu verloren und wir können uns ganz gut verständigen. Der kleine Martin hat Langeweile und er klettert auf den Sessel. Ich nehme seinen Luftballon und werfe ihn hoch. Luftballon fangen macht ihm Spaß. Ohne Worte spielen wir, trotzdem hat er verstanden, dass wir versuchen, den Ballon so lange wie möglich in der Luft zu halten. Mir wird es allerdings sehr warm dabei. Man reicht uns Plätzchen und Obst und die Leiterin erzählt von der wachsenden Zahl an zerrütteten Familien. Viele Männer trinken Alkohol, viele Frauen sind alleinerziehend und der Belastung nicht gewachsen. Immer wieder versuchen die Leiterinnen Kinder in gute Familien zu vermitteln, aber das ist nicht einfach. Eine Bezugsperson ist für 10 Kinder zuständig, sie arbeiten mit 3 Betreuern im Schichtwechsel. Auch hier ist der Verdienst bescheiden. Für die Kinder ist es wichtig, ein Gefühl für Familie zu bekommen. So unternehmen die Gruppen viel gemeinsam und sie freuen sich über gesponserte Aktivitäten. Es ist draußen schon dunkel, als wir uns verabschieden. Die Leiterin bedankt sich für unseren Besuch und das Gastgeschenk. Gegen 19.00 Uhr erreichen wir unser Hotel. 11/2 stunden ausruhen, dann holt uns Aris mit dem Auto ab und wir fahren zum Abschiedsabend in ein kleines Restaurant. Eigentlich bin ich so satt, aber gar nichts essen ist unhöflich. Also bestelle ich eine Suppe, eine halbe Portion und die ist noch riesig. Sensationell ist das Knoblauchbrot, ein dunkles Brot, geröstet und mit frischem Knoblauch bestrichen. Zum Nachtisch gibt es Eis mit Rigas Balsam, einem landestypischen Schnaps. Später bestellen wir noch Rigas Balsam mit Kirschen. Beim dritten Pinnchen merkt man die Wirkung dann doch schon kräftig. Nadina, die Frau unseres Dolmetschers Viestus, hat einen Johannisbeerschnaps selber gebraut. Da wir ihn morgen in das Flugzeug nicht mitnehmen können, vernichten wir ihn zu später Stunde mit Gunters, Aris, Laima zusammen im Hotel. Gut, dass es nur wenige Meter ins Bett sind, das Einschlafen dauert nur wenige Minuten….

Frühstück ist um 9.00 Uhr, der Tag beginnt ruhig. Pünktlich um 10.00 Uhr holt uns Aris ab, wir wollen heute das neue Altenheim in Saulite besuchen. Unser Gepäck haben wir bereits mitgenommen, es war schwer genug, die Taschen zu schließen. Da wir nur Handgepäck haben, dürfen wir ja auch keine Flüssigkeiten mitnehmen. In 20 Minuten erreichen wir das Altenheim. Es wurde im letzten Jahr ausgebaut, es war ehemals eine Unterbringung für Offiziere. 61 alte Menschen wohnen hier. Die drei Etagen sind farblich unterschiedlich gestrichen, zur besseren Orientierung der teilweise dementen Bewohner. Man zeigt uns die Zimmer, die Menschen leben in Doppelzimmern, wollen aber auch nicht alleine wohnen. Das Haus verfügt über einen geräumigen Aufzug. Immer mehr alte Menschen sind übergewichtig, aber es gibt keine breiten Rollstühle. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 85 Jahren. Demenz wird in Lettland nicht als Krankheit gesehen, aber die Probleme häufen sich und der Staat wird wohl reagieren müssen. Einmal in der Woche können die fitteren Bewohner eine Bestellung für Lebensmittel aufgeben, die man ihnen dann besorgt. Manchmal möchte sich jemand eine suppe in der kleinen Küche selber zubereiten. Jede Etage hat einen Aufenthaltsraum mit einem Fernseher und auch hier fällt die aus wenigen Mitteln hergestellte, liebevolle Dekoration auf. In Lettland unterscheidet man in medizinischem Personal und Pflegepersonal. Pflege kann man auch ohne Ausbildung machen, nur nach Anleitung. Krankenschwestern sind medizinisches Personal und erstellen Lagerungspläne, stellen die Medikamente, versorgen Wunden. Sie arbeiten eng mit dem Arzt zusammen. Sehr modern und fortschrittlich ist das Badezimmer ausgestattet. Die Badewanne hat einen Seiteneinstieg und ist Höhen, - und Neigungswinkel verstellbar. Die Leiterin berichtet, dass viele Menschen die tägliche Körperpflege nicht gewohnt sind. Viele Menschen benötigen lange Zeit, sich an eine warme Mahlzeit zu gewöhnen. Zu Hause gab es meistens nur Butterbrote, die Bevölkerung auf dem Land ist sehr arm. Die Anfrage nach Heimplätzen ist groß. Die Monatsmiete beträgt ca 300€, 10% ihrer kleinen Rente dürfen sie als Taschengeld behalten. Oft bezahlt die Stadtverwaltung die Unterbringung. Vor Weihnachten hat es zahlreiche Aktivitäten im Haus gegeben. Schüler haben gesungen oder ein Theaterstück aufgeführt. Manchmal war es für die alten Leute schon zu viel, sie sind Ruhe gewöhnt. Man bemüht sich, alle Bewohner zum Essen in den Aufenthaltsraum zu bringen. Die Tische sind nicht sehr stabil, auf den ersten Blick habe ich sie für Klapptische gehalten. Die Leiterin berichtet, dass man sich viel Zeit nimmt, die Menschen zu pflegen. Auch hier strahlt alles eine gewisse Ruhe aus. Das Waschen der Patienten muss so nicht zwingend morgens geschehen, das geht zu jeder Tageszeit. Die Wäsche der Bewohner wird vom nahe gelegenen Krankenhaus gewaschen, gekocht wird im Haus. Die Lagerhaltung ist sehr umfangreich, aber übersichtlich und strukturiert. Man wäscht sich nach der Behandlung eines Patienten die Hände, Desinfektionsmittel konnte ich hier nicht entdecken. Zurzeit fehlt auch ein Physiotherapeut im Haus. Einen kleinen Gymnastikraum benutzen einige Bewohner selbstständig, zwei Trimmgeräte und zwei Gymnastikbälle sind vorhanden. Im Haus gibt es eine Dekubitusmatratze, es ist zu wenig. Zur medizinischen Behandlung wird ein Arzt aus dem Ort gerufen. Ein kleiner Raum ist als Kapelle gestaltet, das dunkle Sideboard an der Wand macht den Raum noch dunkler. Christlich orthodoxe Bilder hängen an der Wand. Ich sehe kein Instrument, es wird wohl wenig gesungen. Für sterbende Patienten gibt es einen speziellen Raum mit einem angrenzenden Bad. Patienten können hier im Bett gewaschen werden und der Weg von dort zu Hintereingang ist kurz, so dass die anderen Bewohner nicht mitbekommen, wenn der Leichenwagen vorfährt. Von dem Flur im Erdgeschoss gelangt man barrierefrei in den Garten. Die Wege sind breit und für Rollstuhlfahrer gut geeignet. Bisher ist nur Rasen angelegt, aber man hat begonnen, gemeinsam mit den Bewohnern Pflanzen zu setzen. Spontan bekommt man die Idee, Blumenzwiebeln zu sammeln und im Herbst dort zu spenden, um den Garten farblich zu beleben. Das Altenheim liegt mitten im Wald, so ist der Garten sehr groß. Wir gehen zurück in den Aufenthaltsraum und man serviert uns Kaffee, Tee und Gebäck. Es gibt außerdem eine Spezialität, einen Lettischen Nachtisch. Wir haben 20x Bettwäsche als Gastgeschenk mitgebracht, mit Oktoberfest Motiven. Die Leiterin freut sich und bedankt sich. Auf meine Frage, was sie denn dringend benötigen, sagt sie „ breite Rollstühle „.  Gehilfen haben sie, mit Rollatoren können die Bewohner schlecht umgehen. Dann verabschieden wir uns, denn wir blockieren den Essensraum- draußen warten bereits die Bewohner. Guntars berichtet, wie er innerhalb von 4 Jahren etwas über 100kg abgenommen hat. Er wog fast 200 kg, nun bringt er knapp 100 kg auf die Waage, möchte auch noch 15 kg mehr abnehmen. Sein Traum ist es, in  Deutschland einen Sprachkurs zu belegen und dann für den Rest seines Lebens in Deutschland arbeiten und wohnen. Ich bin nicht sicher, ob er die Lage in Deutschland richtig einschätzt. Kein Wohnraum vorhanden und er ist auch über 50 Jahre alt. Da sind auch Arbeitsstellen nicht mehr einfach zu finden. Zum Abschied verschenken wir unsere selbstgebastelten kleinen Schneemänner mit dem Kugelschreiber und dem Deckelaufsatz für Gläser. Velta überreicht uns eine Schale aus schwarzem Keramik, die wir leider nicht mitnehmen können in das Flugzeug. Auch den Rigas Balsam müssen wir beim nächsten Mal mitnehmen. Guntars feiert am 12. Mai seinen 50sten Geburtstag und hat eingeladen. Wir sehen mal, was wir machen können. Eigentlich wollten uns Guntars und Velta zum Flughafen bringen, aber im Restaurant treffen sie einen guten Bekannten, der auch nach Riga fährt und so nimmt er uns mit. Wir verabschieden uns von den Lettischen Freunden. Unser Fahrer spricht gut Englisch und so vergeht die Fahrzeit von 21/1 Stunden schnell. Um 18.00 Uhr erreichen wir den Flughafen Riga, 19.45 Uhr check in, 20.20 Uhr geht der Flug planmäßig. Um 21. 40 Uhr landen wir in Köln und werden von unserer Tochter Verena abgeholt. Eine anstrengende, spannende Reise endet, viele Eindrücke haben wir wieder mitgenommen und zahlreiche Ideen, wie wir sinnvoll helfen können.   

 

2. Februar 2018 11:17 Uhr. Alter: 199 Tage